Vom Brei

Bevor die Menschen Brot buken oder aus Getreide berauschende Getränke herstellten, aßen sie Brei aus zerstoßenen und eingeweichten Getreidekörnern. Seit den Anfängen des Ackerbaus war der Brei eine Hauptspeise der Menschen, und er ist es bis heute geblieben, auch wenn in Europa das Brot dem Brei den Rang abgelaufen hat.

Brei ist wesentlich weniger aufwendig  herzustellen als Brot, und er galt als Nahrung der einfachen Leute, in der jüngeren Vergangenheit als klassisches Arme-Leute-Essen, was vermutlich dazu beigetragen hat, dass er nicht mehr populär ist.

Die puls, die römische Nationalspeise, wurde aus far gekocht, einem Speltweizen, vermutlich eine Emmersorte ohne Grannen. Hirse, Hafer und Roggen wurden als Tierfutter verwendet.  Nicht nur war die puls in der Küche unentbehrlich, sondern sie wurde auch im Kult als Opfer verwendet. Die mola salsa wurde aus geröstetem far und Salz von  den Vestalinnen hergestellt, es wurden damit Opfertiere und Altäre vor blutigen Opfern bestreut, und die Einfachheit der mola salsa galt als Beweis für das Alter und den Wert dieses Opfers, wie wir bei Ovid und Horaz lesen können. Auch die Feier der Fornacalia hingen mit dem Rösten der far zusammen. Die puls selber wurde auch als Opfer verwendet sowie als Hilfsmittel für die Auspizien, bei denen u.a. der Appetit der mit Brei gefütterten Hühner beobachtet und gedeutet wurde. Wichtig  waren Brei und Getreideprodukte beim Opfern durch die Hausgemeinschaft am Herd und am Schrein, sowie bei der Hochzeitszeremonie und im Totenkult, also im familiären Zusammenhang.

Und dies finden wir auch in Traditionen aus dem deutschsprachigen Raum gespiegelt. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist hier die Hirse, genauer gesagt: die Rispenhirse (Panicum miliaceum). Die ältesten Funde von Hirse stammen aus der Bandkeramikerzeit (Altneolithikum), und aus dem Jungneolithikum sind uns zahlreiche Funde an den Ufersiedlungen am Bodensee und den schweizerischen Seen des Alpenvorlandes bekannt. In der Bronzezeit machen Hirsefunde immerhin 19% aller Getreidefundstellen in ganz Deutschland aus, in der vorrömischen Eisenzeit 31%. Hirse ist recht genügsam und benötigt zwar Wärme, aber nicht zu viel Wasser. Obwohl sich wegen des geringen Kleberanteils schlecht Brot daraus backen lässt, ist sie als Brei nahrhaft.

Im 18. Jahrhundert ging der Hirsebedarf stark zurück, auch wenn die Hirse in ärmeren Bevölkerungsschichten noch beliebt war. Heutzutage wird Hirse in Deutschland nicht mehr angebaut und nur mehr importiert.

Huehner_Hirse

(Glückliche Hühner beim Vertilgen einer Kelle Hirsebrei)

Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens belegt, dass die Hirse in deutschsprachigen Gebieten ein Fruchtbarkeitssymbol und ein beliebtes Hochzeitsessen war. Man fütterte an Neujahr die Hühner mit Hirse, damit sie gut legen (das werde ich selber ausprobieren, obwohl ich mit der Legeleistung meiner eigenen Hühner durchaus zufrieden bin). Und Hirse brachte nicht nur Fruchtbarkeit, sondern auch Reichtum. Es wurden ihr apotropäische Eigenschaften zugesprochen, und sie war  eine Seelenopferspeise. Sie war Bestandteil bei Leichenschmäusen und Bestattungen und die bevorzugte Speise der Zwerge und Hausgeister, letztere maßen die Wertschätzung, die ihnen von den menschlichen Hausgenossen entgegengebracht wurde, an der Größe des Butterstück in der Schale mit Hirsebrei.

Wenn im Märchen vom süßen Brei die Rede ist, dann ist damit wahrscheinlich ein Hirsebrei gemeint, denn durch die natürliche Süße der Hirse wird nicht viel teures Süßungsmittel benötigt.

Wer also der Meinung ist, ein Kobold säße im Haus, am Herd oder an der Feuerstelle, der tut gut daran, diesem als Zeichen des Respekt und der Bitte um Mithilfe und Glück regelmäßig eine Schale mit Brei hinzustellen. Auch die Ahnen werden ein Breiopfer gerne annehmen.

Und an kalten Tagen ist ein mit Milch gekochter und mit Honig gesüßter Hirsebrei ein wunderbares Frühstück!

Hirsebrei

 

So koche ich Hirsebrei:

(2 Portionen)

1 Tasse geschälte Hirse mit Wasser aufkochen und quellen lassen. Bei geschälter Hirse dauert das etwa 10 Minuten, es gibt aber für diejenigen, die es morgens eilig haben, die Möglichkeit, die Hirse über Nacht quellen zu lassen.

Dann mit Vollmilch erneut leicht aufkochen und rühren. Die Menge der Milch richtet sich nach der gewünschten Konsistenz, ich nehme zunächst eine halbe Tasse und gebe eventuell etwas hinzu. 1 Prise Salz hinzugeben und mit dem Süßungsmittel der Wahl (Honig, Sirup) süßen. Sehr lecker sind auch kleingeschnittene reife Früchte als Zugabe. Oder ein Rest geschlagene Sahne vom Kuchenessen am Tag vorher.

 

Literatur:

Baechtold-Stäubli, Hanns (2005): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Unveränd. photomechanischer Nachdr. der Ausg. Berlin [u.a.] 1937. Augsburg: Weltbild (4).

Körber-Grohne, Udelgard (ca. 2001): Nutzpflanzen in Deutschland. Von der Vorgeschichte bis heute ; das kompetente Nachschlagewerk. Lizenzausg. Hamburg: Nikol.

Währen, Max; Schneider, Christoph; Fünfschilling, Sylvia (1995): Die puls. Römischer Getreidebrei. Augst: Römermuseum (Augster Museumshefte, 14).

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