Wichte, Nicker, Tursen und Menschen

Für die heidnischen Altvorderen war die Welt bevölkert von zahlreichen nichtmenschlichen Wesen. Sie waren es, die vor den Menschen da waren, sozusagen die Ureinwohner des Landes. Sie beschützen oder verkörperten das Land. Mit ihnen mussten die Menschen sich auseinandersetzen, und wollten sie das Land bebauen und bewohnen, mussten sie es für sich behaupten und die genii loci, die Landwichte, vertreiben oder einschüchtern. Wir wissen von mehreren Arten, wie dies geschehen konnte:

  1. Die circumambulatio, oder Umschreitung, die sich in den meisten kultischen Praktiken findet. Sie bezeichnet einen Rundgang, entweder um ein Stück Land oder einen Platz, der beansprucht oder geheiligt werden soll. Diese Umschreitung kann mit einer Fackel geschehen, oder es wird ein Ochsengespann benutzt, letzteres kommt häufig in mittelalterlichen Überlieferungen vor, in denen sich die Hauptperson durch einen Trick ein viel größeres Stück Land aneignet, als der ursprüngliche Besitzer geplant hatte – diese Art der Landnahme oder Landübernahme hat also eine lange Kontinuität.
  2.  Das Einhaseln, das wir aus der Saga von Egil Skallagrímsson kennen: hier wird zum Beispiel der Thingplatz mit Haselruten abgesteckt, welche mit Schnüren verbunden werden, dies wird auf altnordisch vébönd genannt. Das Einhaseln scheint mir dann besonders angebracht, wenn ein Platz kurzfristig geheiligt werden soll und nicht dauerhaft.
  3. Das Errichten von Hecken und Zäunen.
  4. Das Aufstellen von Grenz- und Marksteinen, Säulen und Pfählen, mit denen angezeigt wird, dass man nun einen bestimmten Bereich verlässt oder betritt.

Mit diesen Maßnahmen wurde also nicht nur anderen Menschen gegenüber ein Besitzanspruch geltend gemacht, sondern auch gegenüber den Landwichten und anderen Wesen. Der so befriedete Bereich hieß im Altnordischen garðr – und bedeutete sowohl umzäuntes Gebiet als auch schlicht Land innerhalb einer Einfriedung. Garðr lässt sich sowohl auf  indogermanisch *g̑ʰortos, Gehege, Haus, Garten als auch *g̑ʰerdʰ, fassen, umgreifen, umgürten zurückführen, und wir finden es in den Begriffen Asgard, Midgard und Utgard wieder, die in der altnordischen Überlieferung Lebensbereiche spezifischer Lebewesen bezeichnen. In diesem Kontext könnte man garðr auch schlicht für ‚Welt‘ verwenden.

Die Einfriedung, Abgrenzung, Einzäunung jedenfalls trennte das Innen vom Außen, sowohl räumlich als auch metaphysisch. Innerhalb, innangard, galten die Gesetze der jeweiligen Bewohner, die als Sitte bezeichnet wurden, die sie von den Vorfahren übernommen hatten, die Alte Sitte, und diese Sitte beinhaltete sowohl moralische, religiöse und kultische Traditionen und Vorgehensweisen als auch das, wir Gesetz nennen: diese Sitte war von den Ahnen für die Nachkommen gemacht und kam nicht von den Göttern, auch wenn sie einen religiösen Charakter hatte.

Was waren das für ‚Ureinwohner‘, die vor den Menschen in bis dahin von ihnen unbesiedelten Landschaften lebten?

Christliche Berichterstatter und Verfasser von Beichtspiegeln und Strafkatalogen sprechen von Dämonen, dem Teufel oder Teufeln. Wir finden aber in einem Text aus dem 13. Jahrhundert, die ‚Nicker‘, die sich im Wasser und den Bergen aufhalten, sowie ‚Thursen‘ und ‚Wichte‘ in den Wäldern und Sümpfen.  ‚Nicker‘ stammt vom althochdeutschen  nichus, es heißt Wassergeist, Nix. Turse ist das mittelhochdeutsche Wort für ‚Riese‘, ‚Teufel‘, ‚böser Geist‘, die erschlossene germanische Form lautet þurisa,natürlich auch der  Name der entsprechenden Rune. ‚Riese‘ bedeutete allerdings nicht notwendigerweise eine Gestalt immenser Größe, sondern eben eine Sorte Urwesen in unterschiedlichen Variationen. ‚Wicht‘ ist mit dem altnordischen vættir verwandt, welches als Oberbegriff für Natur- und Hausgeister verwendet wird, so auch im Deutschen. Das althochdeutsche wiht bedeutet unter anderem Geschöpf, Wesen, Ding. Wicht scheint ein Noabegriff gewesen zu sein – also eine Bezeichnung, die bei ambivalenten Gestalten verwendet wird, um deren Zorn nicht erregen oder wenigstens keinen Fehler zu machen.

Es waren diese Wesen, die durch die Inbesitznahme des Landes und dessen Bebauung und Kultivierung zum Teil vertrieben wurden, und zum Teil in eine Art Allianz mit den Menschen eintraten, die durch gegenseitiges Nehmen und Geben geprägt war, wobei sich die Menschen der Ambivalenz der Land- und Hauswichte immer gegenwärtig waren, und sich durch Opfergaben und das Beachten von Regeln und Tabus deren Wohlwollen oder zumindest Gleichgültigkeit versicherten.

Der Aufenthaltsort vieler Wichte und Landgeister sowie anderer Numen scheinen Bäume, Steine, Hügel oder Quellen gewesen zu sein. Viele Quellen berichten davon, dass die Menschen auch nach der Christianisierung an diesen Orten opferten und feierten, dort schienen ihnen Kräfte gegenwärtig zu sein, derer sie sich versichern wollten. Der Glaube an und die Interaktion mit den Wichten und vættir scheint im täglichen Leben präsenter gewesen zu sein als der Kult der Hohen, also Donar, Frija und den anderen Hochgöttern und Hochgöttinnen, denen allerdings auch in Wäldern, Hainen und an feuchten Plätzen wie Seen und Mooren geopfert wurde.

Es lässt sich überhaupt nicht immer sagen, wann das verehrte Numen ein Landgeist, ein genius loci oder tatsächlich schon ein Gott oder eine Göttin war. So wie nicht klar ist, ob die Hausgeister Ahnen verkörpern oder den Schutzgeist des Ortes, oder eine Mischung aus beidem sind, so finden wir Hinweise darauf, dass Gottheiten mit genii loci oder tutelae loci gemeinsam verehrt wurden oder die Grenzen zwischen beiden verschwimmen, so zum Beispiel bei bestimmten Inschriften auf Votivsteinen für die Matres und Matronae. Außerdem sind einige Namen von Göttinnen belegt, die einen Fluß oder eine Gegend verkörpern, wie zum Beispiel Rura, die Göttin der Rur – können wir sagen, wo die Göttin anfängt und der Landgeist aufhört?

Es reicht jedenfalls ein kurzer Blick in die Überlieferung, um zu erkennen, dass der Mensch immer wusste, dass er die Erde nicht alleine bewohnt. Und dass es nötig war, sich sowohl des Wohlwollens dieser Wesen, die dem Land zugehörten, zu versichern, als auch dafür zu sorgen, dass die übel gesinnten keinen Schaden anrichten konnten. All dies spielte sich nicht in der Wildnis, dem unzugänglichen, unkultivierten Land, der Ödnis ab, sondern auch in der Nähe der menschlichen Behausungen, an zugänglichen Orten, oder gar innerhalb der Gemarkungen, dem innangard.

 

Zum Weiterlesen:

Claude Lecouteux, Demons and Spirits of the Land, Rochester 1995

 

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