Die spinnende Göttin

[Diesen Artikel habe ich 2012 in der Vereinszeitschrift des Eldaring e.V., der Herdfeuer, veröffentlicht. Ich habe ihn hier unüberarbeitet eingestellt.]

Die spinnende Göttin – Die Spindel als Werkzeug und Symbol in Geschichte, Mythologie und Märchen

Seit ungefähr 30 Jahren bin ich Handspinnerin. Mein Onkel war Schäfer, eins kam zum anderen, und seitdem hat mich das Herstellen von Garn nur in sehr turbulenten Lebensphasen losgelassen. Als ich mich mal mit einem Freund über heidnische Symbolik unterhielt, fragte ich, warum nicht die Spindel als Symbol im Heidentum viel weiter verbreitet sei. Mein Freund schaute mich etwas mitleidig an und sagte: Ulrike, niemand würde verstehen, warum. Um diesem Umstand abzuhelfen wollte ich mir für einen kleinen Vortrag einige Gedanken und Hinweise notieren, stieß aber bei der Recherche auf eine Fülle und einen Reichtum von Symbolik, Bedeutung und Kontext sowohl im kulturhistorischen als auch im kultischen Zusammenhang, dass es mir schier die Sprache verschlug und mich monatelang in Bann hielt. Das vorliegende schriftliche Produkt dieser Sprachlosigkeit kratzt an der Oberfläche eines Themas, das mit dem Verschwinden der häuslichen Textilverarbeitung ebenfalls in unserem Unterbewusstsein versank: die Verbindung zwischen dem, was unsere Hände erschaffen und dem, was an Idee und Sinn nur auf eineranderen Ebene sichtbar dahinter steht. Um diese Verbindung deutlich und wieder besser sichtbar zu machen, begeben wir uns auf einen Parforceritt durch einige tausend Jahre menschlicher Kulturgeschichte. Wenn an dessen Ende nicht nur die Neugier auf eine alte Handwerkskunst neu geweckt wurde, sondern auch alte Vorstellungen in ein neues Licht und dadurch erneut in den Fokus unserer gemeinsamen Arbeit gerückt werden, dann bin ich zufrieden.

Werkzeuge

Eine Handspindel besteht aus einem stabförmigen Schaft mit einem Wirtel (auch Spinnwirtel, Wirtelstein oder Wörtel genannt) als Schwungmasse.

Abb. 1 Handspindel

 

Ein Rocken ist ein langer Stab, den man zwischen die Beine oder unter den Arm klemmt, und an dem die Faser befestigt ist, die man verspinnen will. Man zupft nun mit der einen Hand die Faser aus dem Rocken, während die Spindel sich dreht, und lässt die Drehung kontrolliert in die Faser laufen, um daraus ein Garn, einen Faden zu machen. Ist die Handspindel zu Boden gesunken, wickelt man das Garn auf und versetzt die Spindel erneut in eine Drehung. Als Spinnfasern eignen sich sowohl pflanzliche als auch tierische Fasern: Nessel und Flachs oder Baumwolle, sowie alle Arten von Tierfasern vom Schaf bis zur Seidenraupe. Moderne Spinnfasern bestehen auch aus künstlich hergestelltem Material.

Es wurden im Laufe der Zeit verschiedene Techniken eingesetzt, um Fasern auf das Spinnen vorzubereiten und so eine bessere Garnqualität zu ermöglichen: in der Frühzeit benutzte man Disteln oder Karden (botanisch Carduae), um Tierfasern aufzulockern, später wurden diesem Vorbild Handkarden nachempfunden, mit deren Hilfe man die Fasern auseinanderzupft und auflockert. In einer weiteren Technik werden die Fasern gekämmt, indem sie durch grobzahnige Wollkämme gezogen werden, ganz ähnlich dem Kämmen von Haaren. Dabei werden alle Fasern parallel gelegt, und es kann ein glattes und äußerst haltbares Garn gesponnen werden. Pflanzenfasern wie zum Beispiel der Flachs müssen erst getrocknet und gehechelt werden. Auch Nessel wurde zunächst getrocknet, und erst danach wurden die Fasern abgezogen und gesponnen.

 

Geschichte des Spinnens

Man kann ohne weiteres behaupten, dass das Spinnen eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit ist.[1] Menschen der Steinzeit begannen vor ca. 30.000 Jahren damit, Fasern zu Fäden zu drehen, und zwar geschah dies durch das Rollen der Fasern auf dem Oberschenkel. Die Faserfunde bestehen aus Brennnessel und Flachs.[2] Sehr häufig sind Nadelfunde aus dem Gravettian (also zwischen 26.000 – 20.000 v.u.Z.), was verbreitete Nähkenntnisse bei den damaligen Menschen belegt. Die paläolithische Venus von Lespugue, die ca. 20.000 v.u.Z. entstanden ist, trägt einen Fadenrock, eher eine Art Gürtel, an dem gedrehte Schnüre zerfasert herunterhängen und der einen Teil ihrer Rückseite bedeckt. Das Interessante an diesem Rock ist die Tatsache, dass er offensichtlich nicht als wärmendes oder schützendes Kleidungsstück verwendet wurde, sondern anderen Zwecken diente: als Dekoration, als Lockmittel, oder vielleicht war er auch ein Hinweis auf die Fortpflanzungsfähigkeit der Trägerin?[3] Barber weist darauf hin, dass der Fadenrock als Teil der Frauentracht auf dem Balkan überlebt hat und belegt eine Verbindung mit der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, Aphrodite, die einen Schnurgürtel trägt.[4] Bronzezeitliche Funde von ähnlichen Gürteln in Dänemark lassen uns an Freyjas Federgürtel denken.

Wie auch immer, die Fähigkeit, einen Faden herzustellen, veränderte die altsteinzeitliche Welt: nun konnten Felle und Häute zusammengenäht, Netze geknüpft und kleine Fallen hergestellt werden, Werkzeuge konnten zusammengebunden und Gegenstände besser transportiert werden. Die Archäologin Elizabeth Wayland Barber nennt diese Entdeckung die string revolution – die Fadenrevolution, die eine erhebliche Verbesserung der steinzeitlichen Lebensbedingungen zur Folge hatte.[5]

In der Jungsteinzeit wurde die Technik der Fadenherstellung weiter verbessert, dies geschah zunächst durch einfache Stöckchen, auf die man die bereits gedrehten Fasern aufwickeln und so einen erheblich längeren Faden spinnen konnte. Aus der Zeit um 5.000 v. u. Z. datieren die ältesten Funde von Spinnwirteln, diese wurden aus Ton, Stein oder Basalt hergestellt. Die Verbindung zwischen dem Spinnstöckchen und dem Wirtel ergaben ein überaus nützliches Werkzeug, das mehr oder weniger unverändert bis hin zum Mittelalter dazu benutzt wurde, den Menschen von der Wiege bis zur Bahre zu bekleiden und ihn mit Hilfsmitteln und Alltagsgegenständen von Betttüchern über Fischernetze bis hin zu Segeln für gewaltige Schiffe zu versorgen.

Ebenfalls in der Jungsteinzeit, um 7.000 v. u. Z., wurden die ersten einfachen Webstühle eingesetzt, was durch Wandzeichnungen in Çatal Höyük indirekt belegt wird. Die Technik des Verwebens von Fasern war zu dieser Zeit schon lange bekannt und im Prinzip bereits im Flechten von Körben mit Baumrinden erfolgreich eingesetzt worden. Nun konnte man Pflanzen- und Tierfasern zu Fäden spinnen und damit umfangreiche Textilien herstellen. In Europa benutzte man ab der frühen Bronzezeit Gewichtswebstühle aus Holz, was archäologisch durch Funde von Webgewichten belegt wurde – das Holz verrottete, aber die steinernen Webgewichte nicht! Der Gewichtswebstuhl wurde noch bis vor relativ kurzer Zeit auf Island und in Norwegen benutzt, wurde aber großflächig vom horizontalen Webstuhl abgelöst, der ab etwa dem 10. Jahrhundert in Europa in Gebrauch kam.[6]

Die Handspindel war in geringfügig unterschiedlichen Versionen bis zum Mittelalter das einzige Spinnwerkzeug. In der Mitte des 14. Jahrhunderts kam dann das Schwungrad auf, dessen Gebrauch man sich folgendermaßen vorstellen muss: eine Hand dreht das Schwungrad, die andere zieht den Faden aus, aber wenn der Arm völlig ausgestreckt ist, muss der Faden durch ein erneutes Drehen des Schwungrades und einer Veränderung der Position des Spinners auf die Spindel aufgewickelt werden. Das Schwungrad war aufgrund seiner Größe keine wesentliche Verbesserung gegenüber der Handspindel, denn es war nicht transportabel. Erst im 16. Jahrhundert wurde durch die Einführung des Spinnflügels das Aufwickeln des ausgezogenen Garns mechanisiert. Mit der Erfindung des Tritts wurden nun beide Hände frei, und es waren keine Unterbrechungen mehr nötig, um Schwung zu holen oder Garn aufzuwickeln. Dadurch konnte der Spinnertrag deutlich erhöht werden. Im Jahre 1764 begann die völlige Mechanisierung des Spinnens mit der Erfindung der ‚Spinning Jenny‘ des Engländer James Hargreaves.

 

Frauenarbeit Textilverarbeitung

Wir alle wissen, dass es nicht damit getan ist, ein Garn zu spinnen, um Kleidung herzustellen. Allerdings ist dies der zeitaufwendigste Teil dieser Arbeit, wenn man das Scheren der Schafe bzw. das Sammeln und Gewinnen der Faser, das Waschen und Hecheln, Kämmen oder Kardieren hinzunimmt und bedenkt, dass das Spinnen eines Garns wesentlich langwieriger ist als das Weben eines Tuchs mit dieser Menge an Garn. Daraus ergab sich, dass die mit dem Spinnen beauftragten Mädchen und Frauen in jeder Minute, in der sie die Hände frei hatten, spannen. Die Spindel war die ständige Begleiterin der Frau.

Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass Textilverarbeitung Frauenarbeit war, obwohl die wesentlichen Arbeitsschritte auch von Männern beherrscht und teilweise mit ausgeführt wurden.[7] Wir wissen natürlich nicht, wer als Erster auf die Idee kam, einen Faden zu verdrehen, aber es ist zu vermuten, dass  – zumindest in sesshaften Gesellschaften – die Hauptlast der Garngewinnung und -verarbeitung aus dem Grunde in den Arbeitsbereich der Frauen fiel, weil sie kompatibel mit der Betreuung kleiner Kinder war.[8] Diese Arbeit war ungefährlich für kleine Kinder, man konnte sie schnell unterbrechen und wieder aufnehmen, man musste dafür den Wohnbereich nicht verlassen und konnte jederzeit zur Stelle sein, wenn zum Beispiel ein Baby gestillt werden musste. Um also die Arbeitskraft der schwangeren und stillenden Frauen für die Gemeinschaft zu erhalten, übernahmen sie neben der Zubereitung der Nahrung die Tätigkeiten der Faservorbereitung, des Spinnens und Webens, welche so im Laufe der Zeit zu klassischen Frauentätigkeiten bei der Arbeitsteilung wurden.[9]

Wenigstens das Spinnen blieb es auch. Zwar gab es männliche Spinner, und es finden sich auch Abbildungen aus dem Mittelalter, die männliche Spinner zeigen, aber das Spinnen war Frauensache. Mit dem Weben verhielt es sich anders.

Bis weit in die Neuzeit wurde das Spinnen quer durch alle sozialen Schichten gepflegt: Nicht die Tätigkeit an sich war ein Standesmerkmal, sondern im Material, womit und was gesponnen wurde, unterschied sich die Dienerin von der Herrin. Das Spinnen von herkömmlichen Garnen und das Weben von Alltagstextilien war die Arbeit von Dienerinnen und Frauen niederer Stände.  Adelige und reiche Frauen dagegen spannen kostbare und mit seltenen und teuren Farben gefärbte Garne, sie webten Wandbehänge und wertvolle Kleidungsstücke oder Fahnen. Exquisite und seltene Materialien wurden auch für ihre Spindeln verwendet, so finden wir in der griechischen Literatur mehrmals ‚goldene Spindeln‘ erwähnt. Auch werden vornehme Frauen häufig spinnend oder webend dargestellt.[10]

Im antiken Athen und anderen hellenischen Städten gehörte das regelmäßige Erneuern der Kleidung von Götterstatuen zu den wichtigsten kultischen Aufgaben. Bei den großen panathenäischen Spielen Athens wurde Athene ein safranfarbenes, reichbesticktes Gewand, das peplos, überreicht, das von den Frauen und Töchtern der Oberschicht hergestellt worden war und das auf einem schiffähnlichen Wagen, dem sogenannten panathenäischen Schiff, zur Kultstatue im Erechteion befördert wurde.[11] Das Herstellen von kostbaren Kleidungsstücken oder Wandteppichen, die zum Beispiel die Geschichte und Abkunft der Familien ebenso darstellen konnte wie auch eine große Schlacht oder einen Mythos, brachte der Herstellerin Prestige und Anerkennung ein. Darüber hinaus war es eine wichtige Möglichkeit der Überlieferung von Mythen und Familiengeschichte –  nicht nur in der griechischen Antike, sondern auch im Norden.[12]

Das Spinnen und Weben ermöglichte vielen Frauen einen Zuverdienst, außerdem verschafften sie sich damit eine Ware, die sie zum Tausch für andere notwendige Güter einsetzen konnten, wodurch sich ihr Status in der Gesellschaft verbesserte. Im mittelalterlichen Island war einige Zeit lang eine festgelegte Länge Menge gewebten Tuches, vaðmal, die vorherrschende Währung – ein Exportschlager in einem Land, in dem außer Schafwolle nicht viele materielle Produkte erwirtschaftet werden konnten.[13]

Während das häusliche Weben für den Eigenbedarf  –  in bestimmten Regionen auch das Weben als häusliche Erwerbstätigkeit –  bis ins Mittelalter von Frauen ausgeführt wurde, übernahmen mit der zunehmenden Mechanisierung des Vorgangs (z. B. Entwicklung des horizontalen Webstuhls) ungefähr ab dem 11. Jhdt. Männer diese Tätigkeit als Beruf. Weben ermöglichte bis zum Beginn der Industrialisierung die Erwirtschaftung des Lebensunterhalts, wenn auch mit zunehmender Spezialisierung zunehmend mehr schlecht als recht.[14] Die notwendige Zuarbeit des Spinnens jedoch war zwar ubiquitär – nach Erfindung des Trittspinnrads wurden vier Spinner benötigt, um einen Weber in Arbeit zu halten –  aber sie wurde auch schlechter bezahlt und lediglich in Heimarbeit ausgeführt. In der Regel war es seit dem Mittelalter üblich, das für den Haushalt und die Familie benötigte Garn selbst zu spinnen und dann dem Weber zur Weiterverarbeitung zu geben. Auch daran, dass ‚Weber‘ nach wie vor ein verbreiteter Nachname ist, ‚Spinner‘ jedoch nicht, zeigt sich übrigens, dass das Weben eine Männerarbeit und das Spinnen eine Frauenarbeit war – Nachnamen leiten sich ja oft von Berufsbezeichnungen her und wurden noch bis in jüngste Zeit fast nur über die männliche Linie weitergegeben.

Spinnen war also eine durch und durch mit dem Weiblichen verbundene Tätigkeit. Dadurch wurde die Spindel, wie von Jakob Grimm in  Deutsche Rechtsalterthümer dargelegt, zum Symbol der Frau, besonders der fleißigen und tugendhaften Hausfrau. Parallel dazu war das Symbol des Mannes der Speer.[15] So wurde die Verwandtschaft mütterlicherseits als ‚Spindelmagen‘ bezeichnet, die des Mannes als ‚Schwertmagen‘. Im Englischen finden wir den Begriff spinster für eine alte Jungfrau und analog zum Deutschen die spindle side, die weibliche Seite der Verwandtschaft.[16] Spindeln wurden auf Weg- und Steinkreuzen verwendet, um auf das Geschlecht der Person hinzuweisen.

 

Die Mythologie Antike

Für die Menschen der Vorzeit war das Herstellen von Werkzeugen aus Fäden und Seilen sowie von Kleidung für Wärme und Schutz von existentieller Wichtigkeit. Daher erstaunt es nicht, wenn wir dem Spinnen und dem Weben in der antiken Kunst und Mythologie sehr häufig begegnen. Neith, eine ägyptische Göttin des Krieges und der Jagd, gilt als eine der ältesten bezeugten Göttinnen, die den Menschen die Webkunst brachten. Spinnen und Weben waren auch im alten Ägypten eine ubiquitäre weibliche Beschäftigung. Quer durch alle sozialen Schichten war es ebenso Notwendigkeit wie auch eine Möglichkeit zur kreativen, ja künstlerischen Betätigung mit sakralen, zum Teil auch magischen Konnotationen.[17]

Im antiken Griechenland war die Spindel das Attribut sowohl der Artemis, der ‚Göttin mit der goldenen Spindel‘, wie sie von Homer genannt wurde, wie auch der Athene, der ‚Werk-Tätigen‘. Athene, vermutlich eine proto-indoeuropäische Göttin, brachte den Griechen die Webkunst bei, eine Fähigkeit, die in ihrer Herkunftsregion, dem Balkan, bereits ausgeübt wurde und die nun ins das antike Griechenland importiert wurde. Athene ist nicht umsonst eine Zivilisationsbringerin, sie wurde zur Schutzgöttin Athens, weil sie den Athenern die Olive schenkte. Das Weben war ein weiteres Geschenk, das die griechische Zivilisation bereicherte – weiter oben war ja auch schon vom peplos für Athene die Rede.[18]

Die Spindel ist auch ein Attribut der Aphrodite. Tatsächlich vermutete der Archäologe Elmer Suhr, dass die berühmte Venus von Milo, eine um 100 v. u. Z. entstandene Skulptur einer außerordentlich schönen, vermutlich göttlichen Frau ihre eigentümliche Haltung wohl deshalb einnimmt, weil sie spinnt.[19]

Abb. 2

Abb. 3 Spinnende Venus von Milo

Wir kennen die Geschichte von Arachne, die Athene in einem Web-Wettbewerb herausforderte, und die für diese Anmaßung in eine Spinne verwandelt wurde – dazu verdammt, den Rest ihres Lebens in dunklen Ecken zu spinnen und zu weben. Dann gibt es da die ebenso berühmte Geschichte von Ariadne, die Theseus den Faden gab, der ihn aus dem Labyrinth herausführte, oder man denke etwa an die Geschichte von Penelope, der Gattin des Odysseus, die Nacht für Nacht ihr Webstück auftrennte, um sich dadurch unliebsame Freier vom Hals und somit ihr Schicksal in der Schwebe zu halten. Homer hat sowohl in der Odyssee als auch in der Ilias eine Fülle von Bildern geschaffen, die auf das Spinnen und Werkzeuge zur Textilherstellung Bezug nehmen.

Innerhalb der griechischen Mythologie besonders deutlich wird die Bedeutung des Fadens als ‚Lebensfaden‘ und dem Spinnen als lebensschöpferischer und schicksalsentscheidender Tätigkeit jedoch erst durch die Gestalten der Moirai. Ursprünglich als eine, nämlich das personifizierte Schicksal, verehrt, spinnen die drei Moiren Klotho (die Spinnerin), Lachesis (die Zuteilende) und Atropos (die Unumstimmbare) die Fäden des menschlichen Schicksals, messen sie ab, teilen sie zu und schneiden sie ab. Homer nannte sie in der Odyssee die ‚harten, spinnenden Schwestern‘, und das Bild der Göttinnen, die Leben und Schicksal erschaffen, indem sie einen Faden spinnen, zieht sich auf einer ebenso unterschwelligen wie einflussreichen Ebene durch die gesamte griechische Mythologie.[20] Diese Verbindung mag durch spinnende Frauen entstanden sein, die im Geburtsraum auf ihren Einsatz als Geburtshelferinnen warteten. Der Glaube an die Schicksalsfrauen, die dem Neugeborenen sein Schicksal aussprechen und es damit gültig werden lassen, war bis ins 20 Jhdt. in Griechenland lebendig. Ein Tisch wurde für sie gedeckt und Speisen und Opfergaben bereitgestellt.[21]

Auch in den Nachfolgeländern des antiken Hellas blieb dieser Glaube lebendig, was sich zum Beispiel an Märchen aus Mazedonien, Russland und Osteuropa erkennen lässt.[22] Wie wirkmächtig das Bild der Schicksalsfrauen auf die Vorstellung der Menschen in Europa über die Jahrhunderte hinweg blieb, werden wir im Folgenden noch sehen.

Mythologie und literarische Überlieferung machen deutlich, dass der gesponnene Faden eine Metapher ebenso für das Leben ist wie auch für das Schicksal, das ja ganz buchstäblich an einem Faden hängen kann. Die Tätigkeit des Spinnens wiederum ist ein Synonym für die Erschaffung von Leben: aus einer amorphen Masse wird ein Faden, der Lebensfaden. So ist es nur einleuchtend, dass die Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe, Aphrodite, spinnend dargestellt wurde. Ariadnes Faden besitzt die Fähigkeit, in eine andere Welt oder aus ihr heraus zurück in die eigene zu führen. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass es einen Kult der Aphrodite Ariadne gegeben hat, der möglicherweise genau diesen Schwerpunkt hatte. Auch ist bezeugt, dass Frauen, die schwanger werden wollten, die Moirai anriefen, und Aphrodite Urania die ‚älteste der Moiren‘ genannt wurde. Das Spinnen und Weben wird zum Synonym für die Erschaffung des Lebens, die Zuteilung des Schicksals durch die Göttin und die damit zusammenhängenden Entscheidungen des Individuums.[23]

In der römischen Antike finden wir die Parcae, ursprünglich Geburtsgöttinnen, die mit dem Schicksal, fata (ursprünglich Neutrum Plural), das, was gesprochen wurde und den sich daraus entwickelten fatae verschmolzen. Ihre Namen waren Nona, Decima und Parca. Auch sie sind drei. Interessant ist, dass sich aus dem Wort fata das französische fée ableitet, welches wiederum zum englischen fairy wurde. Wir werden diese Verbindung später wiedererkennen, wenn wir uns mit den Märchen beschäftigen. Wie es scheint, sind die Parzen auch mit den keltisch-germanisch-römischen Matronae in Verbindung gebracht worden.[24] Eine mögliche Verbindung zwischen ihnen wird zum Beispiel durch den Fund eines Votivsteines in Carlisle belegt, der den Matres Parcae gewidmet ist, auch finden sich mehr oder weniger erhaltene Matronensteine mit den typischen Parzen-Attributen Spindel oder Buch.[25]

 

Germanischer Kulturraum – Skandinavien

Wohlgemut wendet sich die Forscherin nun dem skandinavischen Kulturraum und damit den Nornen zu, denn natürlich sind auch diese Spinnerinnen. Oder Weberinnen. Oder nicht? Wir wissen doch alle, dass die Nornen spinnen!

Die Skandinavistin Karen Bek-Pedersen stellte allerdings fest, dass die Nornen zwar 29 mal in der altnordischen Überlieferung erwähnt werden, aber davon nur eine Stelle ein Textil erwähnt.[26] In der Helgakviða Hundingsbana I, 2-4 erscheinen die Nornen und prophezeien dem Kind ein großes Schicksal, sie hantieren mit Fäden, sie weissagen Schicksal und erschaffen es gleichzeitig. Ob sie tatsächlich spinnen oder weben, ist umstritten und wird auch anhand der im Original verwendeten Verben (snúa – drehen und greiða – kämmen, ordnen) nicht vollends deutlich. In allen anderen Erwähnungen der Nornen werden diese nicht mit Textilien in Verbindung gebracht.[27] Dennoch ist die Metapher des Webens für das Schicksal oder für die Beeinflussung des Schicksals häufig in der altnordischen Überlieferung zu finden.[28]

Durch die Überlieferung lässt sich also nicht belegen, dass die Nornen spinnen oder weben – aber die Vorstellung vom Schicksal als etwas Gewebtem ist doch ebenso deutlich zu erkennen wie die vom Spinnen und Weben als einer schicksalsverändernden Handlung auch im magischen Sinne.

Eine eingehende Betrachtung des Schicksalsbegriffes der germanischen Gesellschaften würde den Rahmen dieser Arbeit weit übersteigen. Es sei hierzu nur in aller Kürze folgendes angemerkt: Wenn wir davon ausgehen, dass das Schicksal uns die Möglichkeit lässt, zu wählen, wie und auf welche Weise wir es annehmen, während es selbst bereits im Wesentlichen feststeht und durch unsere Entscheidungen enthüllt und gezeigt wird, dann ist das Weben hierfür eine überaus treffende Metapher: die Kette, die das Muster festlegt, der Schuss, der unsere Entscheidungen repräsentiert. Wir mögen durch die Kette und das uns zugeteilte Schicksal festgelegt sein, aber welche Schussfäden wir wählen und auf welche Art und Weise wir somit unserem Schicksal begegnen, das bleibt unsere eigene Entscheidung.[29]

Insofern ist es äußerst passend, dass Frigg, die laut Lokasenna alles weiß, aber nichts darüber verlauten lässt, selbst eine Spinnerin ist und ihr die Aufsicht über das Spinnen und Weben zukommt.[30] In Schweden wurde das Sternbild, das bei uns als ‚Gürtel des Orion‘ bekannt ist ‚friggerock genannt, Friggs Rocken. Weitere Traditionen, wie zum Beispiel ein Spinnverbot an bestimmten Tagen, unterstreichen die Verbindung.[31] Da die Spindel das Symbol für die Frau schlechthin ist, ist sie auch das Symbol jeder großen göttlichen Frau, und zu Frigg gehört sie so selbstverständlich wie zu Athene und Artemis. Moderne Ausdeutungen der nordischen Frigg als Wolkenspinnerin, als derjenigen, die aus dem Ungewissen und Unbekannten das Schicksal spinnt und dem Chaos Struktur und Regel gibt, sind zwar passend und einleuchtend, aber nicht durch die Quellen zu belegen. Auch die Vanin Freyja wird mit dem Spinnen und der Textilkunst in Verbindung gebracht: eine ihrer Beinamen lautet Hörn, Flachs. Dies wurde auch als Kenning für den Begriff ‚Frau‘ verwendet.[32]

 

Frîja und die Fürstenberg-Brakteaten

Auf dem Kontinent sind, wie wir wissen, die schriftlichen Überlieferungen für die heidnische Zeit rar. Dass das Spinnen und Weben von außerordentlicher ökonomischer Bedeutung für die Menschen war, zeigen jedoch die vielen Funde an Wirteln und Gewichten für Webstühle.

Die religiöse Komponente der Textilherstellung wird jedoch sehr deutlich, wenn wir uns im Folgenden einige Brakteate genauer anschauen.[33] Brakteate sind einseitig bedruckte Medaillen oder Münzen, häufig aus Edelmetall. Sie wurden in der Regel nicht als Münzen verwendet, sondern dienten als Schmuckscheiben und magische Amulette. Auf den Brakteaten des 5. und 6. Jahrhunderts, mit denen wir es hier zu tun haben, finden sich Götterdarstellungen, stilisierte Tierdarstellungen, auch Runen.

Die für uns interessanten Brakteate werden von den Archäologen zur Gruppe der B7-Brakteaten gerechnet, es hat sich die Bezeichnung ‚Fürstenberg-Brakteate‘ eingebürgert.[34] Sie werden als weitgehend zusammengehörig aufgefasst und stammen vermutlich alle aus dem 5. Jahrhundert. Die Fundorte liegen, bis auf ein Brakteat, alle auf dem Kontinent: ein Exemplar aus einem nicht näher bekannten Ort in Südwestdeutschland, eines aus Welschungen im Kreis Konstanz, eines aus Großfahner im Landkreis Gotha und eines aus Oberweschen in Sachsen-Anhalt. Ein Brakteat wurde im dänischen Gudme gefunden.

Abb. 6 IK 311 und IK 350Abb. 3

 

Alle zeigen eine identische weibliche Gestalt mit einem Kopfschmuck und verschiedenen Gerätschaften in der Hand. Ausschlaggebend für die Interpretation dieser Gerätschaften ist der Brakteat aus Oberweschen (IK 311), auf dem die Göttin eine Handspindel in der rechten Hand hält. Ausgehend davon interpretiert der Mediävist Enright die Gerätschaften auf den anderen Brakteaten (z.B. IK 350) als Haspel und Webbaum.[35] Frühere Interpretationen als Kreuzstab und Reichsapfel im christlichen Kontext wurden verworfen, auch eine Interpretation der Göttin als der christlichen Muttergottes ist aufgrund der Insignien und der Darstellung – z.B. sichtbare Brüste – sehr unwahrscheinlich.[36]

Die Haspel, ein Gerät, mit dem man Garn von der Spindel beziehungsweise der Spule ab- und zu Garnsträngen wickeln kann, kann anhand der Rekonstruktion einer Haspel aus dem Oseberg-Fund gedeutet werden, obwohl ich persönlich auch die Version eines Rockens darin erkennen könnte. Der Webbaum – der Querbalken, an dem die Kette befestigt wurde – bedarf genauerer Erläuterung: Wir haben ja mittlerweile gesehen, dass auch das Weben im indoeuropäischen Bereich mit Schicksalszuteilung, Kenntnis des Schicksals und auch dem Krieg in Verbindung gebracht wurde  –  man denke zum Beispiel an die Bezeichnung peace-weaver für eine angelsächsische Frau, die zur Sicherung des Friedens zwischen zwei Familien einen Mann der ehemals verfeindeten Familie heiratet. Im altnordischen Darraðarljóð weben die Walküren die Geschehnisse einer Schlacht, die weit entfernt stattfindet, mit Blut, Innereien, Speeren, Pfeilen und Menschenköpfen als Webgewichten.[37] In der altirischen Literatur finden wir in einer Sage aus dem 10. Jhdt. eine Seherin namens Feidelm, die als Zeichen ihrer Würde und Fähigkeiten einen Webbaum aus weißer Bronze trägt. Auch in der griechischen Mythologie ist der Stab ein Zeichen der Seher und Seherinnen. Berühmte Seherinnen der Germanen waren z. B. Ganna – hier finden wir das Altnordische gandr – Zauberstab. Waluburga, eine Seherin der Semnonen, leitete ihren Namen vom gotischen walus – Stab ab, und Gambara, eine Seherin der Langobarden ist leicht als Gand-bara, Stabträgerin, zu deuten.

Es ist einleuchtend oder wenigstens nicht unwahrscheinlich, dass der Stab der Seherin den Webbaum der Göttin kopiert, die sie repräsentiert.[38] Die Göttin der Brakteate ist also mit Handspindel und möglicherweise mit Haspel und Webbaum ausgestattet, diese sind sowohl ihre Herrschaftszeichen als auch religiöse Symbole. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass zwei der Brakteate an Kultstätten gefunden wurden. Der Oberweschen-Brakteat wurde unter dem Kinn einer älteren Frau gefunden, in der Nähe wurden die Knochen von geopferten Pferden entdeckt, auch Gudme wurde mit Kulthandlungen in Zusammenhang gebracht.[39] Wahrscheinlich wurden diese Götterbildamulette bevorzugt von Frauen in Seherinnenfunktion getragen.[40]

Insgesamt kann man also davon ausgehen, dass die Fürstenberg-Brakteate eine Göttin zeigen, deren Herrschaftszeichen Handspindel und weitere Geräte zur Herstellung von Textilien sind. Dadurch werden die Tätigkeiten des Spinnens und Webens im germanischen Frühmittelalter eindeutig in einen religiösen und kultischen Zusammenhang mit der Seherkunst und der Prophezeiung gebracht. Diese wurde offenbar von Frauen im Namen einer Göttin ausgeübt, der Göttin, in der wir unschwer die Gattin Wodans erkennen, jenes Gottes, der am häufigsten auf Brakteaten abgebildet wurde. Ihr Name, so wie er uns überliefert wurde, ist Frîja.[41]

 

Frau Holle und Frau Perchta

Es tritt uns also aus den Brakteaten und der Überlieferung eine bedeutende und äußerst wichtige Göttin entgegen, zu deren Symbolen auch die Spindel gehört. Was geschah mit ihr nach der Christianisierung? Es wird mit einigem Recht vermutet, dass sie unter ihren Bei- oder Tabunamen weiterhin verehrt wurde.

Warum Tabunamen? Ambivalente, also sowohl verehrte als auch gefürchtete numinose Gestalten wurden häufig mit euphemistischen Beinamen belegt, um ihren Unwillen nicht herauszufordern.[42] In unserem Fall also Holle von hold – lieb, freundlich und Perchta von hell, strahlend.[43] Ist möglicherweise der Name Frîja – Geliebte – auch ein solcher Beiname gewesen, der den ursprünglichen Namen der Gottheit ersetzte?

Wir finden Frau Perchta im bayrischen und alemannischen Sprachraum, Frau Holle im mitteldeutschen Sprachraum und im Rheinland, im mittelfränkischen und niederfränkischen entweder Frau Holle oder Frau Herke, die Grenze zwischen den beiden Formen scheint die Benrather Linie zu sein. Der Name Frîja oder Frick wurde im niederdeutsch-niederländischen Altland benutzt, auch Frau Herke und Frau Gode. Diese Namen entstanden durch Usurpation: Frau Gode, die Frau des Gode, Frau Herke, Frau des Her (ein Beiname Wodans). Sie lassen sich durch Wodans Aufstieg zum Hauptgott erklären.[44] Schriftliche Belege für Frau Holle und Frau Perchta finden sich sicher bis ins 13. Jhdt., wahrscheinlich bis ins 12. Jhdt und möglich bis ins 11. Jhdt. Frau Percht ist aufgrund des höheren Schriftlichkeitsgrades im Süden besser und älter belegt als Frau Holle.[45] Timm folgert, dass die unter diesen Namen bekannten Göttinnen spätestens im 7.Jhdt. ‚existierten‘, also verehrt und benannt wurden.[46]

Auf dem Hohen Meißner bei Kassel ist der Frau Hollen-Teich das im Umkreis am höchsten stehende Gewässer. Wie Opferfunde belegen, war dieser Teich wahrscheinlich seit heidnischer Zeit Sitz eines Numens, welches ‚wie Frau Holle sowohl an den Wassern der Tiefe wie an den himmlischen Lüften partizipierte‘. Diese numinose Gestalt, die wir heute unter dem Namen Frau Holle kennen, wurde also schon im 6. Jhdt., möglicherweise schon im 1. Jhdt. verehrt und mit Opfergaben beschenkt.

Für unser Thema ist das deshalb von Interesse, weil die Spindel und auch das Spinnen ein zentraler Teil der Sagen und des Brauchtums rund um Frau Holle und Frau Percha sind.[47] Diese erscheinen vornehmlich an den Zwölften bzw. zu einzelnen Zeitpunkten in den Zwölften, sie ahnden Verstöße gegen das Spinntabu und kontrollieren den Fleiß der Spinnerinnen. Das Spinnen als Zeichen des Hausfleißes und die Spinngeräte wie Handspindel, Spinnrad und Spule spielen in vielen Sagen um Frau Holle und Frau Perchta eine wichtige Rolle. Frau Holle und Frau Perchta waren auch Schutzgöttinnen der Kinder und führten nicht nur die Wilde Jagd an, sondern auch Kinderseelenzüge und Umzüge von Frauen. Den Frauen, die in ihren Quellen und Seen badeten, gewährten sie Fruchtbarkeit.[48]

 

Spinntabu und Spinnstube

Warum das Spinnverbot?

Für unsere Vorfahren waren die Zwölften als Zentralphase des Jahreswechsels eine Phase der minderen Sicherheit und damit der Sorge, aber kompensatorisch auch eine für Riten empfängliche Zeit. Neben bestimmten Speisevorschriften betrafen Tabus in dieser Zeit vor allem Drehbewegungen, die durch Analogiezauber den Sonnenlauf stören. Am augenfälligsten und symbolträchtigsten (und auch am einfachsten durchzuhalten) war dies bei der typischsten Frauenarbeit, dem Spinnen. Spinnen war also in den Zwölften verboten, wobei es allerdings keineswegs ausreichte, einfach nicht zu spinnen, nein, die Spinnarbeit musste schon vor den Zwölften erledigt sein, die Spulen voll und die Rocken abgesponnen sein.[49]

Nun war die Handspindel ein äußerst mobiles Werkzeug, das überall hin mitgenommen werden konnte, aber aufgrund der schieren Menge an zu spinnendem Garn wurde auch abends gesponnen, und häufig im Winter, wenn aushäusige Tätigkeiten seltener nötig waren. Um Licht- und Heizkosten zu sparen, traf man sich daher in der dunklen Jahreszeit zum gemeinsamen Arbeiten. Diese Treffen, aber auch die Häuser, in denen sie stattfanden, wurden Spinnstuben genannt.

Die Entstehung der Spinnstuben ist schon recht früh zu vermuten, denn sie werden schon in den Franken- und Burgundergesetzen erwähnt, auch in einem Kapitular Karls des Großen. Sie wurden als gynäceum bezeichnet und waren ursprünglich separate Häuser, in denen Textilien hergestellt wurden, dies entweder für den eigenen Bedarf oder für den Grundherrn, der das Material zur Verfügung stellte. Später wurde das gemeinsame Arbeiten in die privaten Häuser verlegt. Man sparte Energie, weil nicht jeder sein eigenes Häuschen heizen und beleuchten musste und obendrein genoss man das gemeinsame Arbeiten. Hier war auch eine relativ ungestörte Kommunikation von Frau zu Frau möglich. Da Textilverarbeitung, wie bereits oben ausgeführt, hauptsächlich Frauenarbeit war, so waren auch die Spinnstuben, die auch Lichtstuben oder Kunkelstuben (von Kunkel, d.h. Rocken) genannt wurden, zunächst Treffpunkte der Frauen.

In der Auflage des Deutschen Wörterbuchs von 1905 wird die Spinnstube als ‚hauptsächlicher Bewahrungsort alter Erinnerungen des Volkes‘ bezeichnet. Das Handarbeiten an Winterabenden lädt zum Erzählen ein, und da in der Spinnstube Alte und Junge zusammensaßen, wurden alte Geschichten und Sagen erzählt, Bräuche erläutert und weitergegeben, Rätsel geraten und Volkslieder gesungen. Die Spinnstube war also ein Ort oraler Tradition.[50] Im Laufe der Zeit wurde die Spinnstube auch zu einem Ort der Begegnung der Geschlechter. In der Regel trafen sich zuerst die Mädchen und Frauen zur Arbeit, später am Abend stießen dann die jungen Männer hinzu, es wurde Musik gemacht oder auch getanzt. So kam es, dass in der frühen Neuzeit die Spinnstuben als ‚Sitze der Unzucht‘ Gegenstand von Reglementierungen und Verboten wurden – zum Teil müssen die Spinnstuben regelrechte Kuppelstuben gewesen sein! Auch die in der Spinnstube erzählten Märchen, Volks- und Binsenweisheiten und Sagen wurden abfällig als ‚Rockenphilosophie‘ oder ‚Spinnstubenphilosophie‘ bezeichnet – hier stammt auch die Redewendung ‚der/die spinnt wohl‘ her. Die Entwicklung der Spinnstube über die Jahrhunderte ist vielfältig, und tatsächlich verschwanden die Spinnstuben erst mit dem Verschwinden des Handspinnens und der raumgreifenden Verwendung von maschinengesponnenen Garn, zum Teil erst im 20. Jhdt. .[51]

Die Spinnstuben, die in der Regel im späten Herbst um Martini (11. November) begannen und regional unterschiedlich bis gegen März gehalten wurden, pausierten natürlich während den Zwölften, denn in dieser Zeit war, wie wir gesehen haben, das Spinnen tabu. Es war im deutschen Sprachraum analog zu anderen Hauptgöttinnen unseren Göttinnen Frau Holle und Frau Perchta anvertraut, die den Bruch des Tabus, aber auch Spinnfaulheit scharf ahndeten:

– das Garn und der Flachs wurde besudelt oder angezündet

– die Kühe gaben keine oder saure Milch

– es gab auch körperliche Strafen, so wurde z. B. der Arm mit Flachs umwickelt und angebrannt

– die Spinnerin erhielt Bockshörner oder ein schwarzes Bein

– faule Frauen wurden besudelt, bespuckt und zerkratzt

– es drohte Irrsinn oder gar der Tod

All dies konnte passieren, wenn Frau Holle oder Frau Perchta auf ihrem Umzug während den Zwölften etwas fanden, das ihnen missfiel, während der göttliche Besuch den Spinnerinnen, die das Tabu befolgten, Glück und Segen brachte.[52]

Die spinnende Göttin der Brakteaten ist also Frîja, Frau Holle, Frau Percht. Die Spindel in der Hand dieser Göttin repräsentierte ihre Macht, das Schicksal zu walten und zu ordnen, es den Menschen zuzuteilen und den ihr geweihten Seherinnen Kenntnis über das Schicksal zu verleihen.Während der Name Frîjas durch die Christianisierung weitgehend verschwand, überlebten ihre Tabunamen und wurden weiterhin mit der heiligen Zeit der Zwölften, dem Spinnen, aber auch dem Hausfleiß in Verbindung gebracht. Geschichten und Sagen über die Göttin und die Traditionen und Bräuche, die ihr gewidmet waren, wurden in den Spinnstuben weitergegeben. Sie gerieten mit fortschreitender Industrialisierung in Vergessenheit, und mit ihnen verschwand ein wichtiges Mittel oraler Tradition.

 

Die Spindel im Märchen

Zunächst einmal muss betont werden, dass im Rahmen dieser Arbeit auf eine ausführliche Interpretation verzichtet werden muss, allenfalls eine Typisierung der Märchen kann erfolgen. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang das relative häufige Vorkommens der Spindel bzw. der Tätigkeit des Spinnens im Märchen. Eine psychologische oder wie auch immer geartete Interpretation lässt meiner Meinung nach zu oft die unterschiedlichen Einflüsse und Quellen der Märchen außer acht, zumal aus wissenschaftlicher Sicht von einer Kontinuität der hier besprochenen Märchen seit grauer Vorzeit gar keine Rede sein kann. Ich gehe also nicht davon aus, dass alle Märchen, insbesondere nicht die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zwingend Bilder aus der heidnischen Vergangenheit vermitteln. Allerdings sagen uns bestimmte Gegenstände oder Motive durchaus etwas darüber aus, mit welchem Verständnis diese Gegenstände oder Motive aufgefasst wurden –  warum wurde ausgerechnet dieser oder jener Gegenstand als Requisit für das Märchen verwendet?

Zu Beginn eine kurze Begriffsklärung: Was verstehen wir überhaupt unter Märchen?

Ein Märchen ist eine Erzählform unter anderem mit folgenden Kriterien:

  1. In der Regel handelt es sich bei Volksmärchen um einen mündlich überlieferten Ethnotext, sie sind weniger das Ergebnis von schriftstellerischer Tätigkeit.[53]
  2. Es kann nicht genau in Zeit und Raum fixiert werden, ist also zeitlos und in keiner spezifischen Region angesiedelt.
  3. Sehr häufig finden Begegnungen mit dem Übernatürlichen statt, die aber ohne Erstaunen von den handelnden Personen hingenommen werden.[54]
  4. Die handelnden Personen sind sehr häufig nichtindividualisierte Typen (‚die Prinzessin‘, ‚die Müllerstochter‘, ‚der Königssohn‘). Sie scheiden sich deutlich in gut und böse.[55]
  5. Das happy end ist zwingend. Ein Märchen findet immer ein gutes Ende.

Im Gegensatz zum Mythos, der von Göttern und halbgöttlichen Menschen und ihren  Taten bestimmt wird, haben wir es im Märchen eher mit der sogenannten ‚niederen Mythologie‘, also Landgeistern, Nixen, Zwergen usw. zu tun. Das kann durchaus als ein Hinweis auf die höhere Kontinuität im Märchen aufgefasst werden, denn die ‚niedere Mythologie‘ war in der Regel niedrig genug, um der monotheistischen Verfolgung und Entmachtung zu entgehen.[56]

 

Dornröschen

Dornröschen (KHM 50) ist zweifellos eines der beliebtesten und bekanntesten Märchen aus den ‚Kinder- und Hausmärchen‘ der Brüder Wilhelm und Jakob Grimm, es dürfte damit so bekannt sein, dass hier auf eine ausführliche Wiedergabe verzichtet werden kann. Mittlerweile ist bewiesen, dass dieses Märchen keineswegs ein ‚urdeutsches‘ ist, vielmehr wurde es der Erzählerin, die einer hugenottischen Familie entstammte, in ihrem zutiefst von romanischer Kultur geprägten Elternhaus nahegebracht: La belle au bois dormant von Charles Perrault erschien 1697. Es findet sich der Stoff dieses Märchens aber auch in Erzählungen aus dem Mittelalter: dem Roman de Perceforest (um 1330, altfranzösisch) und der Novelle Frayre de Joy e Sor de Plaser (um 1350, katalanisch). Er ist auch in Giambatista Basile Märchensammlung Pentamerone zu finden, die zwischen 1634 und 1637 in der neapolitanischen Volkssprache veröffentlicht wurde.[57]

Die Versionen unterscheiden sich in mehrfacher Weise, aber generell lassen sich folgende Gemeinsamkeiten erkennen: Einem neugeborenen Kind wird ein Schicksal geweissagt. Bei Grimm und Perrault sind es Feen, bei Basile weise Männer und Astrologen, die den Tod oder einen langen, todesähnlichen Schlaf prophezeien, und zwar durch den Stich an einer Spindel bzw. einer Flachsverdickung (Flachs ist sehr hart und unbequem zu verspinnen). Die Eltern des Mädchen versuchen, die Prophezeiung abzuwenden, aber sie erfüllt sich unerbittlich, das Mädchen sinkt in Schlaf und wird schlussendlich durch einen Prinzen bzw. König erlöst. Dies geschieht bei den Grimms durch einen keuschen Kuss, in den älteren Fassungen allerdings durch wesentlich handfestere Liebesbezeugungen, die sich dann auch in einer Schwangerschaft manifestieren. Die Geburt der Zwillinge vollzieht sich im Schlaf, und letztlich wird die Schlafende dadurch erlöst, dass eines ihrer Kinder ihre Brustwarze sucht, aber den Finger findet und das verhängnisvolle Flachsstück wegsaugt.

Für uns von besonderem Interesse sind hier mehrere Motive: zum einen das der Schicksalsfrauen, die das außergewöhnliche Schicksal prophezeien bzw. festlegen, zum anderen das der zwingenden Erfüllung des Schicksals, so sehr man auch versucht, es abzuwenden: eine Entrückung aus der Zeit durch einen todesähnlichen Schlaf und die Erlösung durch die Liebe.

Welche Rolle spielt hier die Spindel? Sie ist das Requisit der Erfüllung dieses Schicksals[58]: in jeder Fassung sieht das Mädchen eine alte Frau spinnen. Voller Neugier geht es auf sie zu, und beim Ausprobieren der interessanten, unbekannten Tätigkeit erfolgt der verhängnisvolle Stich. In der Hand der Alten wird die Spindel zu einem magischen Instrument, was um so interessanter wird, wenn wir uns eine der ältesten gefundenen Fassungen näher anschauen, die Geschichte aus dem Roman de Penceforest, die Liebesgeschichte zwischen Troylus und Zellandine. Zellandine wird als langersehntes Kind eines Königs geboren, aber bei der Geburt des Mädchen wurde der Tisch für die drei Göttinnen Lucina (Artemis/Diana), Venus und Sarra/Themis (Göttin des Schicksals) nicht in der gebührenden Weise hergerichtet. Dadurch wird der Zorn der Themis heraufbeschworen, was zu einer Verfluchung führt, wobei Venus schließlich den Fluch mildert und alles zu einem guten Ende bringt. Kenner der germanischen Sagen erkennen auch das Motiv der schlafenden Jungfrau aus der Siegfried-Sage, von den Grimms bewusst ins Spiel gebracht – hier stach sich Brunhild aber nicht an einer Spindel, sondern Odin selbst versetzte sie mit einem Schlafdorn in den Schlaf.[59]

Es lässt sich an den Urfassungen sehr gut erkennen, wer den Fluch, die Prophezeiung aussprach und für dessen Erfüllung sorgte: eben jene ‚Feen‘, die den Menschen bei ihrer Geburt das Schicksal bestimmen und sich zum Zweck der Erfüllung dieses Schicksals auch einer Spindel bedienen. Es sind die Schicksalsfrauen, die uns schon in den Moiren und Parzen begegnet sind.

 

Die drei Spinnerinnen

KHM 14, Ausgabe 1812

Von dem bösen Flachsspinnen.

Vorzeiten lebte ein König, dem war nichts lieber auf der Welt als Flachsspinnen, und die Königin und seine Töchter mußten den ganzen Tag spinnen, und wenn er die Räder nicht schnurren hörte, war er böse. Einmal mußte er eine Reise machen, und ehe er Abschied nahm, gab er der Königin einen großen Kasten mit Flachs und sagte: „der muß gesponnen seyn, wann ich wieder komme.“ Die Prinzessinnen wurden betrübt und weinten: „wenn wir das alles spinnen sollen, müssen wir den ganzen Tag sitzen und dürfen nicht einmal aufstehen.“ Die Königin aber sprach: „tröstet euch, ich will euch schon helfen.“ Da waren im Lande drei besonders häßliche Jungfern, die  erste hatte eine so große Unterlippe, daß sie über das Kinn herunterhing, die zweite hatte an der rechten Hand den Zeigefinger so dick und breit, daß man drei andere Finger hätte daraus machen können, die dritte hatte einen dicken breiten Platschfuß, so breit wie ein halbes Kuchenbrett. Die ließ die Königin zu sich fordern und an dem Tage, wo der König heim kommen sollte, setzte sie alle drei nebeneinander in ihre Stube, gab ihnen ihre Spinnräder und da mußten sie spinnen, auch sagte sie einer jeden, was sie auf des Königs Fragen antworten solle. Als der König anlangte, hörte er das Schnurren der Räder von weitem, freute sich herzlich und gedachte seine Töchter zu loben. Wie er aber in die Stube kam und die drei garstigen Jungfern da sitzen sah, erschrack er erstlich, dann trat er hinzu und fragte die erste, woher sie die entsetzlich große Unterlippe habe? „vom Lecken, vom Lecken!“ Darauf die zweite, woher der dickte Finger? „vom Faden drehen, vom Faden drehen und umschlingen!“ dabei ließ sie den Faden ein paarmal um den Finger laufen. Endlich die dritte: woher den dicken Fuß? „vom Treten, vom Treten!“ wie das der König hörte, befahl er der Königin und den Prinzessinnen, sie sollten nimmermehr ein Spinnrad anrühren und so waren sie ihrer Qual los.

Auch das Märchen von den drei Spinnerinnen  (KHM 14) war bereits vor der schriftlichen Fixierung durch die Grimms in einer veränderten Version bekannt.[60] In Basiles Pentamerone heißt es Die sieben Schwarten, erstmals in Druck im deutschsprachigen Raum ist es in Johannes Prätorius‘ Der abenteuerliche Glückstopf zu finden (1669). Prätorius versucht in diesem Buch, mit Märchen und Schwänken seiner Meinung nach überkommene Vorstellungen zu erklären, so zum Beispiel Spinn-Tabus.Die Version von Prätorius steht vermutlich in keiner direkten Abhängigkeit von Basile, möglich ist eine bisher unbekannte ältere Variante als gemeinsame Grundlage.[61]  Hier und in ähnlichen Versionen finden wir das Motiv der magischen Spinnhelferinnen, die sich besonders auszeichnen durch ihre hässliche Gestalt und ihre Fähigkeiten, Fasern entweder magisch zu veredeln oder enorm schnell zu spinnen. Die märchenhafte Dimension wird also nicht durch magisches Gerät eingebracht wie im Dornröschen-Märchen, sondern durch magische Fähigkeiten.[62]

Wir erinnern uns an die Schicksalsfrauen, die Moiren, Parzen und Nornen. Es fällt sehr leicht, diese in den drei Spinnerinnen zu erkennen: hier sind sie nicht Vollstreckerinnen des Schicksals, sondern sie wenden das Schicksal der Märchenheldinnen zum Positiven. Sie helfen ihnen dabei, eine unmögliche Aufgabe zu bewältigen und erlösen sie im zweiten Teil des Märchens von der offenbar ungeliebten Spinnpflicht.

Das Motiv der übernatürlichen Spinnhelferinnen ist ubiquitär, in anderen Ländern haben die Spinnerinnen allerdings andere Namen – in einem rumänischen Märchen heißen sie Frau Donnerstag, Frau Freitag und Frau Samstag. In der norwegischen Version sind es die drei Muhmen, wobei zu beachten ist, dass ‚Muhme‘ ein altertümliches Wort für die Schwester der Mutter ist, hier also wieder ein Hinweis darauf, dass das Spinnen, die Spindel Frauensache ist. In Schottland finden wir nur eine Spinnhelferin, die Habitrot.

In diesem Märchentypus begegnet uns die Tätigkeit des Spinnens in einer interessanten Ambivalenz: einerseits wird Hausfleiß und die Fähigkeit, gut spinnen zu können, bewundert und erhöht die Chancen der Mädchen auf eine gute Partie, andererseits kann man von einem regelrechten „Spinnterror“[63] sprechen. Mit übernatürlicher Hilfe kann die Heldin, die vor einer nicht zu bewältigenden Aufgabe steht, die Leistung verweigern und diesem Terror in Zukunft entgehen.

 

Rumpelstilzchen

Das Märchen Rumpelstilzchen (KHM 55) ist eines der bekanntesten Märchen aus der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen. Die Grimms hörten es in Hessen. Rumpelstilzchen geht, wie die französische Version Ricdin-Ricdon (1705 von Mlle de Héritier schriftlich fixiert), vermutlich auf ein älteres, noch nicht entdecktes Volksmärchen zurück. Die europäischen Märchen bieten eine Vielzahl an Namen für den Spinnhelfer: Panzimanzi in Ungarn, Trillevip in Dänemark, Tom-Tit-Tot in England, um nur drei Beispiele zu nennen.[64]

Zwei Dinge sind hier komplett anders als im Märchen von den drei Spinnerinnen: zum einen ist der Spinnhelfer männlich und zum anderen von dämonischer Natur. Für seine magische Hilfe fordert er eine Belohnung, die Heldin hat aber auch gar keine Chance, seine Hilfe abzulehnen. Warum nun plötzlich ein männlicher Spinner? Die Germanisten Bolte und Polivka[65], die zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfangreiche Anmerkungen zu den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen erstellt haben, auch Lutz Röhrich[66] vermuten den Ursprung des Märchens im germanischen Raum: hier beherrschen auch die Zwerge und die Elfen im Gefolge der Frau Holle und Frau Fricka die ‚häuslichen Verwandlungskünste‘ wie z. B. das Spinnen und das Backen.[67] Das Personal der Spinnhelfer rekrutiert sich also in der Regel aus der sogenannten ‚niederen Mythologie‘ und findet sich im Umkreis der das Spinnen fördernden Göttin.

Weiter verbinden Bolte und Polivka diesen Märchentypus mit vielen Sagen, die den zwergenhaften Spinnhelfer in die Nähe des Teufels rücken, also vollends dämonisieren. In manchen Versionen hat der Spinnhelfer einen Teufelsschwanz oder Pferdefuß. Auch hat z. B. Luther den Teufel als ‚Rumpelgeist‘ bezeichnet. Röhrich bestätigt die Nähe des Märchens zu den Teufelssagen, meint aber, dass die Spinnhilfe kein Motiv der Teufelssage sei.[68]

Folgende Punkte sprechen dafür, dass Rumpelstilzchen ein Zwerg ist:

– das Motiv des Namentabus

– das Erraten des Namens, das ganz spezifisch zu den Zwergen gehört

– die Forderung nach einem Menschenkind bzw. einer Frau

– das Backen und Brauen

– das Motiv des Sich-Selbst-Verratens.

Die Vermischung der Figur des Zwerges mit dem teuflischen Element muss allerdings schon relativ früh erfolgt sein.

Wie in vielen anderen Märchen ihrer Sammlung haben die Grimms mit „philologischer Skrupellosigkeit“[69] auch hier verschiedene ihnen bekannte Fassungen zu einer einzigen zusammengefügt. Konstant waren aber die Figur des Spinnhelfers und die in Not geratene Heldin.

In einer holsteinischen Version des Märchens (Frau Rumpentrumpen, aufgezeichnet von Müllenhoff) findet sich eine Verbindung zwischen den drei Spinnerinnen und Rumpelstilzchen: drei Frauen kommen zum Spinnen und bringen ein kleines Männlein zum Haspeln mit. Weitere Grimmschen Märchen mit magischen Spinnhelfern sind auch Die Nixe im Teich (KHM 181), Gänsehirtin am Brunnen (KHM 179) und Die Hollerfrau (lothringisch).

Märchen vom Typ der drei Spinnerinnen und des Rumpelstilzchens zeigen uns also, dass das Bild der wohlwollenden Schicksalsfrauen als Spinnhelferinnen weit verbreitet war. Auch finden sich im Märchen Spinnhelfer aus der sogenannten ‚niederen Mythologie‘ wieder, die zu ihrem Gefolge gehören und auf diese Weise mit der schicksalszuteilenden Göttin verbunden sind.

 

Weitere Spinnmotive in Märchen und Folklore

„Das Märchen erzählt gern vom Spinnen“[70] – das liegt wohl auch daran, dass Märchen und Sagen sehr häufig in Spinnstuben erzählt wurden.

Weitere Spinnmotive sind[71] etwa das des Geschenks von magischen Spinngeräten (Spindel, Schiffchen und Nadel, KHM 188),  Spinngeräte und Garne als Indikatoren für Tugend (Die gewandte Prinzessin, Frankreich und Die Goldspinnerin, Estland), auch Tiere als Spinnhelfer (Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein, Lettland). Hier findet sich auch die Kuh als Motiv, die Kuh ist die Verwandlungsform der leiblichen Mutter und Tier der mütterlichen Göttin.

Durch die existentielle Bedeutung für den Menschen erlangte die Tätigkeit des Spinnens, die dafür notwendigen Werkzeuge sowie das Spinnmaterial und das Resultat der Arbeit viele symbolische Bedeutungen, die mit grundlegenden Erfahrungen der menschlichen Existenz wie Geburt, Tod und Schicksal verbunden werden.[72] Sicherlich spielen das Spinnen und die Produktion von Garnen und Stoffen auch ökonomisch eine existentielle Rolle, aber unzweifelhaft ist die symbolische Bedeutung ausschlaggebend.[73]

Das Spinnen wurde ubiquitär und deutlich mit göttlichen und übernatürlichen weiblichen Wesen in Verbindung gebracht, wie bereits aufgezeigt wurde. In Osteuropa, auf dem Balkan und in Russland spinnen die Rusalki, weibliche Wassergeister, und die Baba Yaga[74], die in ihrer Ambivalenz durchaus an Frau Holle und Frau Perchta erinnert.

Die Spindel steht symbolisch für die Frau, sowohl die menschliche als auch die nicht-menschliche, das gilt für die bildliche Darstellung der Spindel z. B. auf Grabsteinen als auch für die Verwendung in der Sprache – Spindelmagen, spinster etc.

Im folkloristischen Bereich finden wir Hinweise darauf, dass der Faden, das Produkt des Spinnens, als Brücke in die andere Welt gesehen wurde, auch ein Seil kann es sein.[75] Ein endloses Garnknäuel ist im Märchen häufig ein Geschenk eines übermenschlichen Wesens, und es verbindet diese Welt mit einer anderen.[76] Diese Vorstellung ist so verbreitet, dass es im folkloristischen Motiv-Index eine eigene Kategorie dafür gibt (F 152.1.7 und F 125.1.5).[77]

Das Spinnen und die Herstellung eines Fadens sind, wie wir gesehen haben, eine Tätigkeit, die mit der Ordnung und Zuteilung des Schicksals und mit der Erschaffung des Lebens verbunden wird[78], das wird auch in sprichwörtlichen Redewendungen wie ‚Lebensspanne‘ deutlich. Ein ganz deutliches Bild für diese Symbolik ist natürlich die Nabelschnur. In Osteuropa findet sich die Vorstellung, dass die Kinder an einem Faden zu den Müttern heruntergelassen werden.[79]

In der Orkneyinga saga finden wir das Bild des Wollkorbs, der symbolisch für die Gebärmutter steht[80], und auch in der christlichen Ikonographie steht das Bild der spinnenden oder einen Wollkorb haltenden Jungfrau Maria während der Verkündigung des Engels für das gleiche Bild. Die ungesponnene Wolle im Korb ist das ungeformte Schicksal des Menschen vor der Geburt, einen Faden zu spinnen bedeutet nicht nur, ein textiles Gewebe zu ermöglichen, sondern auch, Körpergewebe zu erschaffen.[81] Und so wie die Empfängnis und die Geburt im Spinnen symbolisiert werden, so wird der Tod durch das Abschneiden des Fadens und das Abwickeln des Garns von der Spindel dargestellt.[82]

 

Spinnen und Magie

Island, irgendwann kurz vor dem Jahr 1000. In der Laxdæla saga[83] hetzt eine Frau mit Namen Guðrún ihren Mann Bolli dazu auf, ihren ehemaligen Geliebten Kjartan – den Ziehbruder Bollis – im Zweikampf zu töten. Als Bolli nach vollbrachter Tat heimkommt, begrüßt sie ihn mit den Worten: „Mächtige Arbeit wurde heute geleistet, ich habe Garn für 12 Ellen gesponnen, und du hast Kjartan erschlagen.“ Mit diesen Worten legt Guðrún nahe, dass die Erschlagung Kjartans genauso ihr Werk war wie das Bollis, und dass das Spinnen eine zweite, dunklere Bedeutung haben kann als nur die Herstellung von Garn. Die Geschichte erinnert an das Darraðarljoð, in dem die Walküren den Verlauf der Schlacht weben. War das Spinnen eine Tätigkeit, die auch zu magischen Zwecken verwendet wurde? Kann man den Begriff seiðr (die Ausübung okkulter Praktiken vor dem Hintergrund der nordisch-germanischen Mythologie) mit dem Spinnen oder der Herstellung von Garn in Verbindung bringen?

Der Mediävist Eldar Heide ist dieser Meinung. Er zeigt auf, dass seiðr etymologische Äquivalente im Althochdeutschen (seito) und Altenglischen (sada) hat, die Saite, Kordel, Schnur oder Faden bedeuten, auch im Litauischen bedeutet saitas / seitas sowohl Faden, Schnur als auch Zauberei.[84]

Die Merseburger Zaubersprüche lassen uns darüber nachdenken, ob diese Form der Magie mit dem Binden zu tun hatte, doch falls dem so ist, dann ist diese Tätigkeit nicht charakteristisch. Heide führt einige Belege dafür auf, dass seiðr allerdings so benutzt wurde, dass etwas damit wie von einer Schnur angezogen wurde (seiða til sin), oder dass der Zauberer seinen Geist in einer Form aussendete, die als etwas Gesponnenes betrachtet wurde.

In der norwegischen Folklore spielten Milchdiebe offenbar eine große Rolle – die Milch wurde zum Beispiel gestohlen, in dem der Zauberer oder die Zauberin ein Tau oder Seil melkte. In einer saamischen Legende zieht eine Frau das Schiff ihres Mannes an Land, indem sie den günstigen Wind spinnt. Drei Wind-Knoten enthalten die Seele eines Neugeborenen, diese Knoten werden von der Göttin Madderakka geknotet, die dem Neugeborenen die Seele überreicht. Der Geist des Zauberers (gandr) kann also als ‚magischer Wind gedeutet werden‘. Der Geist des Zauberers kann aber auch als etwas betrachtet werden, das gesponnen wurde.[85]

In einer Geschichte aus Südschweden wirkt eine Frau Zauber durch Knoten in einer Kordel, in den Knoten sitzen die Geisthelfer der Frau und erfüllen ihre Aufträge. Wiederum in der Laxdæla saga wird ein Schiff durch eine Form der Magie zum Sinken gebracht, die ‚fest gedrehte Zauberei‘ bezeichnete, es wird dabei ein Spinn-Terminus verwendet. Es gibt Belege für Hemden, die unsichtbar machen, auch solche, die davon berichten, dass Spinnen unsichtbar macht. Es gibt Geschichten über Zaubererduelle, in denen mit magischen Fäden hantiert wird. In der folkloristischen Überlieferung lassen sich reichlich Belege für Heides Annahme finden.

Heide führt außerdem an, dass man glaubt, in einigen Gräbern kultische Rocken gefunden zu haben, also Rocken, die nicht zum eigentlichen Spinnen, sondern zu kultischen oder vielleicht magischen Zwecken verwendet wurden.[86] Wenn wir das mit dem vergleichen, was wir über die Fürstenberg-Brakteaten gelernt haben, dann scheint diese Vermutung gar nicht so abwegig zu sein. Auch passt das divinatorische seiðr mit Hilfe des Spinnens ja hervorragend zur Interpretation des Schicksals als Faden oder einem Webstück.

Denken wir zurück an die Laxdæla saga: Guðrúns Bemerkung über ihre Spinnarbeit und Bollis Totschlag an Kjartan ist, in diesem Licht besehen, so gut wie ein Geständnis. Nicht nur hat sie Bolli angestiftet, sondern sie hat Kjartans Schicksal durch ihr Spinnen magisch besiegelt.[87] Die Verbindung zwischen Spinnen und seiðr könnte auch erklären, warum seiðr als ergi, also als  unmännlich betrachtet wurde: Spinnen war Frauenarbeit, und Männer, die sich damit oder mit ähnlichen Dingen beschäftigten, wurden als unmännlich angesehen.[88]

Die Annahme, dass die regelmäßige Darstellung von Spindeln und Rocken auf spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Abbildungen von Hexen (zum Beispiel auf den Bildern Hans Baldung Griens) auf die Verwendung von Spindel oder Rocken in der mittelalterlichen Volksmagie hinweist, ist interessant, müsste aber noch genauer untersucht werden. Schließlich finden wir auf diesen Abbildungen auch Besen und andere Haushaltsgegenstände, die durch ihre ubiquitäre Verwendung ebenso wie Spindel und den Rocken auch lediglich auf das Geschlecht der Hexe hinweisen können.

 

Fazit

Die Spindel ist als Symbol für die Frau und die ihr durch Notwendigkeit und Tradition in der Geschichte zugewiesene Arbeit unbestreitbar belegt. Mit der materiellen Bedeutung des Spinnens und den damit verbundenen Werkzeugen wuchs auch die Bedeutung in mythologischer Hinsicht und kam ihr gleich. So wurde die Spindel nicht nur die Verbildlichung der menschlichen, sondern auch das Abzeichen der göttlichen Frau und ihrer jeweiligen Fähigkeiten und Aufgaben: die kreatürliche Erschaffung des Menschen im Schoß der Mutter sowie das Ordnen und Zuteilen des Schicksals, das das Leben eines jeden Menschen bestimmt.

Und so wie der Hammer zweifellos eine äußerst männliche Symbolik verkörpert und dennoch von Männern wie von Frauen getragen wird, kann auch die Spindel ohne weiteres ein übergeschlechtliches Symbol für die heidnische Schicksalsauffassung sein, für den Glauben daran, dass wir unser Schicksal aus der Hand einer höheren Macht empfangen und unseren Wert darin zeigen, wie wir ihm gerecht werden.

 

Literatur

Bächtold-Stäubli, Hanns (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1929-1942. Berlin: de Gruyter 1987/2000

Barber, Elizabeth J. W. : Women’s Work. The First 20.000 Years. Women, Cloth and Society in Early Times. New York/London: Norton 1995.

Beck, Noémie:  Goddesses in Celtic Religion. Cult and Mythology: A Comparative Study of Ancient Ireland, Britain and Gaul. Dissertation Dublin/Lyon 2009. http://theses.univ-lyon2.fr/documents/lyon2/2009/beck_n#p=0&a=title (23.2.2012)

Bek-Pedersen, Karen: Are the Spinning Nornir Just a Yarn? Viking and Medieval Scandinavia 3 (2007). S. 1 – 10.

Bek-Pedersen, Karen: Fate and Weaving: Justification of a Metaphor. Viking and Medieval Scandinavia 5 (2009). S. 23 – 29.

Bek-Pedersen, Karen: What do the norns actually do? http://www.medievalists.net/2010/02/12/saga-and-east-scandinavia-preprint-papers-of-the-14th-international-saga-conference (22.2.2012) S. 106 – 109.

Bolte, Johannes und Polivka, Georg: Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm Band 1. Leipzig: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung 1913. Band 1 S. 490 – 498. Scan des Buches auf Wikipedia Commons: http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Grimms_Märchen_Anmerkungen_(Bolte_Polivka)(1.Mai 2012)

Brown, Judith K.: A Note on the Division of Labor by Sex. American Anthropologist 72/5 (1970). S. 1073 – 1078

Damsholt, Nanna: The Role of Icelandic Women in the Sagas and in the Production of Homespun Cloth. Scandinavian Journal of History Vol.9 Issue 2-3 (1984), S. 75 – 90.

Davidson, Hilda E.: Roles of the Northern Goddess. London/New York: Routledge 1998.

Enright, Michael J.: The Goddess Who Weaves. Some Iconographic Aspects of Bracteates of the Fürstenberg Type. Frühmittelalterliche Studien 24 (1990). S. 54 – 70.

Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Unveränderter Nachdruck der 4. Auflage mit Bearbeitung von Elard H. Meyer 1875-1878. Wiesbaden: Fourier Verlag 2003

Grimm, Jacob: Deutsche Rechtsalterthümer.  4. Aufl. Leipzig: Bibliographisches Institut 1899.

Gundarsson, KveldulfR Hagan: The Spinning Goddess and Migration Age Bracteates. Idunna (December 1993).

Hauck, Karl: Motivanalyse eines Doppelbrakteaten. Die Träger der goldenen Götterbildamulette und die Traditionsinstanz der fünischen Brakteatenproduktion (Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, XXXII)  Frühmittelalterliche Studien 19 (1985) S. 139-194.

Heide, Eldar: Spinning seiðr. In: Old Norse religion in long-term perspectives. Origins, changes, and interactions. Hrsg. von Anders Andrén, Kristina Jennbert, Catharina Raudvere . Lund: Nordic Academic Press 2006 (Vägar til Midgård 8) S. 164 – 170.

Lindner, Elisabeth: Lasst uns gutes Garn spinnen! Die Spinnstube. Geschichte und Geschichten aus Nordhessen. Gudensberg-Gleichen: Wartberg Verlag 2003.

Matossian, Mary K.: In the Beginning, God Was a Woman. Journal of Social History Vol.6 No.3 (1973). S. 325 – 343.

Mencej, Miriam: Connecting Threads. Foklore 48 (2011).  http://www.folklore.ee/folklore/vol48/mencej.pdf (1. Mai 2012)

Motz, Lotte: The Winter Goddess: Percht, Holda, and Related Figures. Folklore Vol.95 (1984). S. 151 – 166.

Pesch, Alexandra: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit – Thema und Variation. Hrsg.von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer. Berlin: Walter de Gruyter 2007 (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Band 36).

Röhrich, Lutz: Märchen – Mythos – Sage. Hrsg. von Wolfdietrich Siegmund. Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe. Krummwitsch: Königsfurt Verlag 2005 (Veröffentlichungen der Europäischen Märchengesellschaft Band 6) . S. 11- 34.

Röhrich, Lutz: Rumpelstilzchen. In: Arbeitstexte für den Unterricht. Märchenanalysen. Hrsg. von Siegfried Schödel. Stuttgart: Reclam 1983. S. 123 – 154.

Rölleke, Heinz: Die Stellung des Dornröschenmärchens zum Mythos und zur Heldensage. Hrsg. von Wolfdietrich Siegmund. Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe. Krummwitsch: Königsfurt Verlag 2005 (Veröffentlichungen der Europäischen Märchengesellschaft Band 6). S. 125 – 137.

Rumpf, Marianne: Spinnstubenfrauen, Kinderschreckgestalten und Frau Perchta. Fabula Band 17/1 (1976). S. 214 – 242.

Suhr, Elmer G.: The Spinning Aphrodite in the Minor Arts. American Journal of Archaeology Vol. 67 No.1 (1963). S. 63 – 68.

Thorn, Thorskegga: The History of Spinning. Nachdruck der 1. Auflage. Stratford upon Avon: Harlot Publications 2001.

Timm, Erika: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. 2. Aufl. Stuttgart: Hirzel 2010.

Volkmann, Helga: Purpurfäden und Zauberschiffchen. Spinnen und Weben in Märchen und Mythen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008.

 

Abbildungsnachweise

 

Abb.1: Ulrike Pohl

Abb. 2: Spinnende Venus von Milo, Zeichnung von Steven Escandon aus Barber, Elizabeth J. W. : Women’s Work. The First 20.000 Years. Women, Cloth and Society in Early Times. New York/London: Norton 1995, S. 237

Abb. 3: IK 311 und IK 350 aus: Alexandra Pesch, Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit – Thema und Variation. Berlin 2007, S.

 

 

[1] Zur Geschichte der Textilherstellung und –verarbeitung von Beginn der Menschheitsgeschichte an ist besonders Elizabeth Barbers Werk Women‘s work von 1995 (siehe Literaturhinweise am Ende dieser Arbeit) zu empfehlen, das nicht nur umfassend und tiefgehend informiert, sondern auch gut lesbar geschrieben ist. Eine kompaktere Geschichte des Spinnens findet sich bei Thorn 2001.

[2] Barber 1995 S. 43

[3] Barber 1995 S. 43-45 sowie54ff. Neben der interessanten Tatsache, dass eines der ersten dokumentierten Kleidungsstücke der Menschheit keinen utilaristischen Nutzen hatte, ist auch das Weiterleben des Fadenrocks in diversen Frauentrachten durch die Jahrtausende bemerkenswert.

[4] Siehe hierzu auch Davidson 1998, S. 91ff.

[5] Barber 1995 S. 45

[6] Barber 1995 S. 81

[7] Barber 1995 S. 29f. und Volkmann 2008 S. 13

[8] An dieser Stelle mein herzlicher Dank an Petra Bolte, die mich darauf hinwies, dass meine ursprüngliche Formulierung sachlich falsch war. Tatsächlich bezieht sich Brown (siehe Fußnote 10) auf sesshafte Gesellschaften. Barber 1995, S. 29f. ist hier nicht differenziert genug, führt aber später aus, dass sie sich ebenfalls nicht auf das Paläolithikum bezieht, und dass sich diese Arbeitsteilung erst dann manifestiert, wenn eine Gesellschaft das nomadische Leben aufgibt.

[9] Brown 1970 S. 1074

[10] Barber 1995 S. 209, Volkmann 2008 S. 37ff.

[11] Barber 1995 S. 281- 283

[12] Davidson 1989 S. 113

[13] Damsholt 1984 S. 81

[14] Damsholt 1984 S. 82, Volkmann 2008 S. 111

[15] Grimm 899 S. 236, Grimm 1875-1878 S.224

[16] Volkmann 2008 S.27

[17] Volkmann 2008, S. 36. Um das Thema übersichtlich zu halten, habe ich mich in der Darstellung der spinnrelevanten Mythologie auf Europa beschränkt. Weitet man den Blick aus, so zeigt sich eine verblüffende Ähnlichkeit in der Bedeutung des Spinnens und der Wahrnehmung desselben in der Vorstellung der Menschen. Eine Darstellung der außereuropäischen göttlichen Spinnerinnen findet sich in Weigle, Marta: Spiders and Spinster: Women und Mythology, Albuquerque: University of New Mexico Press 1992, Nachdruck

[18] Barber 1995 S. 243ff. und Volkmann S. 37ff., auch Davidson 1998 S. 91ff.

[19] Barber 1995 S. 236 – 238. Leider war es mir nicht möglich, den bei Barber 1995 angeführten Titel von Suhr selbst zu lesen. Suhr hat sich intensiv mit Aphrodite beschäftigt, so auch in dem in der Bibliographie aufgeführten Zeitschriftenaufsatz.

[20] Barber 1995 S. 226

[21] Volkmann 2008, S. 43

[22] Matossian 1973 S. 334

[23] Barber 1995 S. 239 – 243

[24] Volkmann 2008 S. 45

[25] Beck 2009, Chapter 1),VI), B) Roman Parcae/Fatae

[26] Bek-Pedersen 2007 S. 4

[27] Bek-Pedersen 2007 S. 3f.

[28] Bek-Pedersen 2009 S. 24

–        Jómsvikinga saga 8, hier wird anhand eines Webstücks eine Prophezeiung getätigt

–        Orkneyinga saga 11, hier ist ein gewebtes Banner schicksalsentscheidend

–        Darraðarljóð, eine eindrucksvolle und lebhafte Beschreibung des Webens als magischen, schlachtentscheidenden Akt

–        Gísla saga 9, hier werden durch das Weben schicksalhafte Ereignisse in Gang gesetzt.

[29] Bek-Pedersen 2009 S. 37

[30] Davidson 1998 S. 121

[31] Grimm 1875-1878 S. 224, Davidson 1998 S. 104

[32] Davidson 1998 S. 104

[33] Es war tatsächlich der Artikel von KveldulfR Hagan Gundarsson, The Spinning Goddess and Migration Age Bracteates, Idunna (Dec. 1993), der mich dazu motivierte, dieses Thema meinerseits in Angriff zu nehmen. Manche dort aufgeführten Ansichten sind mittlerweile überholt, die Lektüre lohnt sich dennoch.

[34] Hauck 1985 S. 150-153. Eine ausführliche formale Darstellung und Einordnung findet sich in Pesch, Alexandra: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit – Thema und Variation. Hrsg. Von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer. Berlin: W. de Gruyter 2007 (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Band 36)

[35] Enright 1990 S. 60ff. Enrights Darlegungen sind hinlänglich schlüssig, für die Handspinnerin ärgerlich ist allerdings seine Ignoranz bezüglich der Tatsache, dass eine Spindel kein Webgerät, sondern ein Spinngerät ist. Eine Göttin mit einer Spindel in der Hand ist somit auch keine webende, sondern eine spinnende Göttin.

[36] Hauck 1985 S. 150-153

[37] Zu dieser Thematik siehe Davidson 1998, S. 117 – 118

[38] Enright 1990, S. 62ff.

[39] Enright 1990 S. 64

[40] Hauck 1985 S. 157

[41] Hauck 1985 S. 153f.

[42] Timm 2010 S. 36 – 37

[43] Eine ausführliche und linguistisch stichhaltige Diskussion der Etymologie des Namens ‚Holda/Holle‘ und ihre Zweifel an einen Bedeutungszusammenhang mit ‚Verhüllen‘ liefert Timm auf den Seiten 35-37. Dies sollte auch diejenigen überzeugen, die Frau Holle mit der nordischen Hel in einen Topf werfen möchten. Zur Etymologie und Bedeutung von ‚Perchta‘ siehe Seiten 53-54.

[44] Timm 2010 S. 220 in Zusammenfassung. Wer sich für Frau Holle und Frau Perchta interessiert, der kommt nicht um die gewissenhafte Lektüre des Buches von Erika Timm herum, das nicht nur eine Fülle von umfassenden Fakten und Details bietet, sondern auch für Nicht-Germanisten fesselnd zu lesen ist.

[45] Timm 2010, S. 26, 58

[46] Timm 2010, S. 219

[47] Motz 1984 S.154, Volkmann 2008 S. 96f., Rumpf 1976

[48] Timm 2010 S. 259f.

[49] Timm 2010 S. 249ff.

[50] Timm 2010, S. 254f.

[51] Volkmann 2008 S. 34f. und Lindner 2003 S. 27ff.

[52] Timm 2010 S. 257, Bächtold-Stäubli, s.v. Zwölften, Rauhnächte, Weihnacht, Spindel, Rocken

[53] Röhrich 2005 S. 20

[54] Rölleke 2005 S. 127

[55] Röhrich 2005 S. 19

[56] Röhrich 2005 S. 24

[57] Rölleke 2005 S. 129ff. diskutiert die Filiation des Märchens sehr eingehend.

[58] Volkmann 2008 S. 71

[59] Rölleke 2005 S. 133f.

[60] Volkmann 2008 S. 71ff.

[61] Volkmann 2008 S. 75

[62] Volkmann 2008 S. 77

[63] Volkmann 2008 S. 81

[64] Volkmann 2008 S. 81ff. bietet eine Einordnung und Filiation des Märchens.

[65] Bolte und Polivka 1913 S. 498

[66] Röhrich 1983 S. 149

[67] Volkmann 2008 S. 84

[68] Röhrich 1983 S. 153

[69] Röhrig 1983 S. 138

[70] Röhrich 1983 S. 141

[71] Volkmann 2005 S. 98f.

[72] Mencej 2011 S. 55. Mencejs Arbeit ist eine sehr tiefgehende und erschöpfende Quelle an Hinweisen und Belegen für die gesamte Thematik der Symbolik und Folkloristik des Spinnens.

[73] Davidson 1998 S. 123

[74] Matossian 1973 S. 332ff.

[75] Bächtold-Stäubli 1929-1942 Stichworte ‚Lebensfaden‘, ‚unerschöpflich‘

[76] Mencej 2011 S. 60

[77] Mencej 2011 S. 62-64

[78] Davidson 1998 S. 123

[79] Mencej 2011 S. 65

[80] Davidson 1998 S. 118-119, Mencej 2011 S. 66

[81] Matossian 1973 S. 331, Mencej 2011 S. 67

[82] Mencej 2011 S. 74-75

[83] Eine deutsche Ausgabe der Laxdæla saga ist zwar vergriffen, aber sicher entleihbar: Laxdæla saga. Die Saga von den Leuten aus dem Laxardal, herausgegeben und aus dem Altisländischen übersetzt von Heinrich Beck, München, 1997

[84] Heide 2006 S. 164

[85] Heide 2006 S. 164 – 165

[86] Heide 2006 S. 167

[87] Damsholt 1984 S. 84, Davidson 1998 S. 122, Heide 2006 S. 166

[88] Heide 2006 S. 167

Advertisements